Fake-Buchungen, gestohlene Kreditkarten, missbrauchte Bonusprogramme: Cyberkriminelle nehmen zunehme
12.08.2026, 07:15
Eine E-Mail erscheint im Postfach des Flugreisenden. Die Nachricht wirkt echt: Sie verweist auf eine aktuelle Flugverspätung, nennt den richtigen Namen des Passagiers und bietet Hilfe bei der Umbuchung auf einen anderen Anschlussflug an. Um ihn zu sichern, müsse lediglich die Kreditkarte verifiziert werden.
Was wie ein Service der Airline aussieht, ist in Wahrheit Betrug. Nach Einschätzung des Tourismus-Cybersicherheitsexperten Patrick Coulomb, Sales & Marketing-Chef von Ypsilon, werden genau solche Angriffe durch künstliche Intelligenz bereits "industriell und in Sekundenschnelle" erzeugt.
„Das Problem ist ziemlich groß und wird von Tag zu Tag größer.“
Die Reisebranche erlebt nach Angaben des Fachmanns einen deutlichen Anstieg betrügerischer Buchungen. "Das Problem ist ziemlich groß und wird von Tag zu Tag größer", sagt er. Lange Zeit hätten sich Kriminelle vor allem auf Fluggesellschaften konzentriert.
Als diese jedoch zunehmend professionelle Betrugsabwehrsysteme einführten, seien die Täter auf andere, un geschützte Bereiche ausgewichen. Coulomb: "Die Tourismusbranche hatte das Problem lange Zeit ignoriert." Inzwischen betreut sein Unternehmen auch Online-Reisebüros (OTA) und Reiseveranstalter bei der Betrugsprävention.
Betrugsmethoden gibt es reichlich
Die Schäden können erheblich sein. Allein bei deutschen Veranstaltern, die das Präventionssystem des Anbieters nutzen, wurden im Juni und Juli durchschnittlich 74 Betrugsfälle pro Monat erkannt und verhindert. Der potenzielle Schaden lag bei rund 113.000 Euro monatlich. Besonders teuer wird es, wenn hochpreisige Reisen betroffen sind, etwa für Familien auf Fernstrecken oder in Luxusdestinationen wie die Malepen.
Die Methoden der Betrüger sind vielfältig. Oft werden gestohlene oder erfundene Identitäten genutzt, kombiniert mit missbräuchlich verwendeten Kreditkarten oder Paypal-Konten. Manchmal legen Kriminelle auch Buchungen an, um Verfügbarkeiten künstlich zu blockieren.
Kreditkarten-Betrug steht im Fokus
In anderen Fällen verkaufen sie Reisen, die nie tatsächlich beim Veranstalter eingebucht wurden. Besonders im Fokus steht nach Angaben Coulombs jedoch der Kreditkartenbetrug. Hinzu kommen weitere Maschen: So würden manche Täter kurzfristig Reisen buchen, rasch wieder stornieren und versuchen, Rückerstattungen zu erhalten, bevor überhaupt eine ordnungsgemäße Zahlung erfolgt ist.
Verdächtige Buchungen lassen sich zwar häufig erkennen, etwa durch unplausible Adressen, ungewöhnliche Länderkombinationen oder widersprüchliche Angaben zwischen IP-Adresse, Kreditkarte und Wohnort. "Oft ist es einfach gesunder Menschenverstand", sagt der Ypsilon-Experte.
Anbieter der Buchungstechnologie gefordert
Allerdings stoßen Reisebüros dabei schnell an Grenzen. Die für eine zuverlässige Analyse nötigen Informationen, etwa Zahlungsdaten, Geräte-Fingerabdrücke oder technische Verbindungsdaten, liegen meist gar nicht beim Vertrieb, sondern bei den Anbietern der Buchungstechnologie.
Nach Ansicht des Experten müssen deshalb vor allem Anbieter von Buchungsmaschinen und Reservierungssystemen aktiv werden. Dort lägen die relevanten Daten, um verdächtige Vorgänge frühzeitig zu erkennen.
Moderne Systeme prüfen Buchungen bereits automatisiert. Wird ein Vorgang als eindeutig betrügerisch eingestuft, wird erst gar keine Buchung angelegt. Bei Verdachtsfällen erfolgt dagegen häufig eine manuelle Prüfung oder zunächst nur eine vorläufige Reservierung.
Zusätzlichen Druck erzeugt eine jüngste rechtliche Entwicklung. Danach haften bei Fake-Buchungen zunehmend die Reiseveranstalter und nicht Reisebüros oder Endkunden. Das sei "sehr bitter für die Veranstalter und kann extrem teuer werden", warnt der Experte. Regressforderungen seien oft nicht mehr möglich. Die Konsequenz: "Alle Veranstalter müssen sich nun über Präventionssysteme Gedanken machen."
„Alle Veranstalter müssen sich nun über Präventionssysteme Gedanken machen.“
Parallel entstehen ständig neue Betrugsfelder. Stark im Aufwind ist nach Angaben des Fachmanns sogenannter Loyalty Fraud. Dabei sammeln Kriminelle gestohlene Bonuspunkte oder Flugmeilen auf großen Konten und lösen diese später für kostenlose Flüge oder andere Leistungen ein. "Betrüger sind sehr einfallsreich und ständig auf der Suche nach neuen Nischen", sagt Coulomb.
Die größte Herausforderung aber sieht der Experte in der künstlichen Intelligenz. "KI wird zum Brandbeschleuniger." Sie ermögliche perfektere Phishing-Mails, täuschend echte Dokumente, synthetische Identitäten und kaum noch von echten Menschen zu unterscheidende Deepfakes.
Agentic-KI bringt neue Probleme
Vor allem sogenannte Agentic-KI werde die Branche vor neue Probleme stellen. Künftig könnten Bots selbstständig Reisen suchen, buchen und bezahlen. Für Betrugsbekämpfer gehe es dann nicht mehr nur darum, zu erkennen, ob eine Buchung von einem Bot oder einem Menschen stammt. Entscheidend werde die Frage nach der Absicht hinter der Transaktion.
Sein Fazit fällt entsprechend deutlich aus: "KI demokratisiert den Betrug." Für Cyberkriminelle seien immer weniger technische Spezialkenntnisse erforderlich. Was früher erfahrenen Hackern vorbehalten war, könne heute nahezu jeder mit den passenden Werkzeugen umsetzen.
Die Reisebranche steht damit vor einem Wettrennen gegen Angreifer, die immer professioneller werden. Oder wie der Experte es formuliert: "Das Ganze wird geradezu explodieren."
